„Zusammen haben wir viel mehr zu bieten. Es lohnt sich!“

Zwei starke, dynamische Regionen, Nordhessen-Kassel und Osthessen-Fulda, prägen den Regierungsbezirk. Beide Regionen können viel voneinander lernen und sich gegenseitig befruchten. Das Regierungspräsidium Kassel hat deshalb einen Prozess für mehr gemeinschaftliche Anstrengungen in der Region „NordOstHessen“ (NOH) angestoßen. Im Interview berichtet Regierungspräsident Hermann-Josef Klüber darüber, wie es um diesen Prozess bestellt ist.

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„Zusammen haben wir viel mehr zu bieten. Es lohnt sich!“

Herr Klüber, Sie prägten vor etwa fünf Jahren den Begriff NordOstHessen. Warum?

Weil wir im Regierungsbezirk, von der Weser bis zur Rhön, eine Region sind und uns ohnehin abstimmen müssen aber auch sollten. Verwaltungsgrenzen und die politische Verpflichtung auf einen gemeinsamen Regionalplan sind das eine. Eine gemeinsame Mentalität – ein nordosthessisches Denken, ist das andere. Nord- und Osthessen sind im Regierungsbezirk seit mehr als 150 Jahren eine Einheit – deswegen sollten wir als Bewohnerinnen und Bewohner uns auch als NordOstHessinnen und NordOstHessen begreifen. Zusammen haben wir viel mehr zu bieten – und vor allem auch mehr politisches Gewicht.

Was ist der Grund für das jahrhundertealte ausgeprägte Nebeneinander der beiden Regionen in NOH?

Der Norden ist protestantisch und reformiert, der Süden katholisch, und diese Prägung beeinflusst auch im säkularen 21. Jahrhundert spürbar weiter den Alltag. Kassel ist ohne Frage das Zentrum Nordhessens. Fulda wurde mit dem Mauerfall zum Mittelpunkt eines Einpendlerkreises, liegt seinerseits im weiteren Einzugsgebiet von Rhein-Main und gefühlt ganz nah bei Würzburg. Dennoch liegen Kassel und Fulda seit 1867 in einem Regierungsbezirk und bilden landespolitisch die Region NordOstHessen. Ich werbe in vielen Gesprächen im ganzen Bezirk immer wieder dafür, sich an dieser Wirklichkeit zu orientieren. Es lohnt sich.

Sie wohnen in Fulda und haben ihren Dienstsitz in Kassel. Mit dem Zug kommt man schnell von A nach B. Kommt das gemeinsame Denken und Handeln in der Region auch so schnell in Fahrt wie der ICE?

Ich nehme immer stärker wahr, dass viele Menschen in der Region inzwischen wie selbstverständlich von NordOstHessen sprechen – es hat also tatsächlich ein Umdenken eingesetzt. Ich kenne und mag sowohl die Region Fulda als auch Kassel und Nordhessen, und ich erlebe im Alltag die Menschen als gleichermaßen liebens- und die Städte auf ihre Weise als gleichermaßen lebenswert. Ebenso ist klar, dass es weiter starke Beharrungskräfte gibt. Und es darf sich selbstverständlich jeder weiter als Fuldaer, Nordhesse, Waldecker, Schwälmer usw. fühlen. Das RP Kassel und ich rühren gleichzeitig weiter unermüdlich die Werbetrommel für die „nordosthessische“ Perspektive und für den Dialog der Regionen.

Ein erfolgreiches Format zum fruchtbaren Austausch bilden nach wie vor die „Frauenberger Gespräche“. Sie bringen im Kloster Frauenberg bei Fulda Politik, Wirtschaft und Wirtschaftsförderung in einen Austausch und sollen dazu dienen, gelungene nord- und osthessische Projekte auf die Fläche des Regierungsbezirks zu projizieren und gegebenenfalls auszuweiten. Es gab dort gute, verheißungsvolle und auch erfolgreiche Gespräche, und wir arbeiten weiter an einer Verstetigung – an einem selbsttragenden Prozess.

Ein weiteres ergiebiges Gesprächsformat für einen breiten Kreis von Teilnehmenden haben wir mit dem „Forum RP“ etabliert. Den Ursprung bildeten Themen der Regionalplanung: Wie werden wir in zehn oder zwanzig Jahren in NordOstHessen leben? Schwerpunkte der Gespräche waren etwa die Energiewende, demographischer Wandel, Flächenbedarf für Wohnen und Arbeiten, moderne Verkehrs- und Kommunikationsmittel. Das diskutieren wir mit Stakeholdern aus den entsprechenden Themenbereichen, interessierten Politiker*innen sowie Fachleuten. Aktuell sind wir im Begriff, das „Forum RP“ thematisch zu weiten: Es soll eine Art Marktplatz für Ideen und Projekte geschaffen werden, die NordOstHessen voranbringen.

Werden wir konkret: Auf welchen Feldern der Politik oder Regionalentwicklung können denn Nord und Ost voneinander lernen?

Es hat sich bewährt, Menschen unmittelbar in sehr konkreten Vorhaben zusammenzubringen Die Herausforderungen sind in unserem Land überall gleich: Es geht um Klimaschutz und Nachhaltigkeit, Demographie, Gesundheit, Digitalisierung, Energie, Mobilität aber auch um Bildung und Innovationen, um nur einige Themen zu nennen. Und auf all diesen Feldern haben wir nicht nur Aufgaben zu lösen, sondern zugleich Lösungen parat. Hier können wir voneinander lernen und anderen ein Beispiel setzen.

Wie sehen solche nordosthessischen Beispiele aus, bei denen regionsübergreifend zusammengearbeitet wird?

Ein vielsprechender Ansatz ist etwa das EDIH-ON. Die Abkürzung steht für European Digital Innovation Hub NordOstHessen. Ziel ist, den Auf- und Ausbau digitaler Kapazitäten in der Region zu stärken sowie die Verbreitung und Akzeptanz digitaler Technologien unter den kleineren und mittelständischen Unternehmen, den KMU, zu erhöhen. EDIH-ON soll als Vermittler und „Matchmaker“ zwischen den Unternehmen und den bestehenden Unterstützungsangeboten fungieren. Von den rund 3.000 regionalen KMU aus dem produzierenden Gewerbe sollen rund 600 KMU von den Dienstleistungen des EDIH-ON profitieren. Hier nehme ich einen großen Willen wahr, als Region NOH an einem Strang zu ziehen.

Die Industrie muss sich ja vielerorts neu erfinden. Der Kaliabbau in NOH etwa leistet seit mehr als 125 Jahren einen Beitrag zur Ernährung der Welt. Was aber wird aus einer Bergbauregion, wenn die Ressourcen zur Neige gehen – das betrifft ja den Hersfelder und den Fuldaer Raum gleichermaßen?

Ja, die Kaliregion steht vor einem existenziellen Strukturwandel, und den wollen wir als Chance begreifen. Das ist keine leichte Aufgabe, denn mittel- und unmittelbar gibt die Kaliindustrie vielen tausend Familien in der Region Arbeit und Wohlstand. Ich bin den Landräten Dr. Michael Koch (Hersfeld-Rotenburg), Reinhard Krebs (Wartburgkreis) und Bernd Woide (Fulda) dankbar, dass sie sich in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Martin Ebeling, Leiter des K+S-Werks Werra, mit Nachdruck der Frage gewidmet haben, wie es mit der Kalibergbauregion weitergehen kann. Auf Initiative von Landrat Dr. Michael Koch wird durch das Regionalmanagement Nordhessen derzeit die Entwicklungsstrategie „Zukunft Kaliregion“ erarbeitet. Finanzielle Mittel hierfür stehen aus dem Werra-Ulster-Weser-Fonds bereit. Aus dem Konzept ist nun das Folgeprojekt „Zukunft Kaliregion 2.0“ hervorgegangen: Über die Grenzen der Länder und Landkreise hinweg entwickeln wir Projekte mit Signalwirkung – zum Beispiel zur Schaffung moderner Arbeitsformen. Insgesamt steht eine Förderung von bis zu 700.000 Euro aus dem Bundesprogramm „Aktive Regionalentwicklung“ in Aussicht.

Nicht nur die Industrielandschaft wandelt sich, auch die Gesellschaft verändert sich – da ist NOH keine Ausnahme. Menschen werden dank einer immer besseren Gesundheitsversorgung älter, gleichzeitig klafft im Pflegesektor eine Personallücke…

Genau darauf hat der Bundesgesetzgeber mit dem Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) reagiert und digitale Lösungen für ein Entlassmanagement von den Krankenhäusern eingefordert. Vereinfacht gesagt: Die Krankenhäuser müssen dafür sorgen, dass der Patient nach der Entlassung die richtige Versorgung in einer Rehaeinrichtung oder für den Übergang in einem Pflegeheim erhält. In diesem Zusammenhang haben sich digitale Plattformen für das Entlassmanagement im Markt als ein sinnvolles Instrument für Kliniken erwiesen. Als Regierungspräsidium haben wir diese Entwicklung aufgegriffen um schon im März 2019 einen Austausch zwischen Kliniken und Pflegeeinrichtungen in NOH initiiert. Damals wurde die Plattform der Recare Deutschland GmbH vorgestellt. Seit diesem Termin konnte der erfolgreiche Einsatz und das Konzept beispielsweise im Klinikum Kassel unter Beweis gestellt werden. In einem Umkreis von rund 100 Kilometern sind 529 ambulante Pflegedienste und 434 Einrichtungen mit Angeboten in der Kurzzeitpflege und vollstationären Langzeitpflege auf der Recare-Plattform registriert. Im Median erhalten Menschen auf der Suche nach einem Pflegedienst nach 23 Minuten eine erste positive Rückmeldung und auf der Suche nach einer Kurzzeitpflege nach nur 3,5 Stunden. Neben der Firma Recare stellt aber auch die Firma B. Braun Melsungen AG ein entsprechendes digitales Tool zur Verfügung, das ganz ähnliche Funktionalitäten aufweist und ebenfalls für die Modernisierung des regionalen Entlassmanagements geeignet ist. Beide Plattformen haben wir in mehreren Vernetzungsterminen sowohl Kliniken und Krankenhäusern als auch Pflegeeinrichtungen und ambulanten Pflegediensten aus ganz NOH vorgestellt.

Bleiben wir bei den Gesundheitsleistungen und gehen wir in die Luft. Mit dem AiRMOUR-Projekt ist NOH technologisch an vorderster Stelle dabei...

Das EU-finanzierte AiRMOUR-Projekt zielt auf die Erforschung neuartiger Konzepte, um die städtische Luftmobilität mit Drohnen sicher, leise und umweltfreundlich, aber auch zugänglicher und erschwinglicher zu gestalten. NOH gehört zum Forschungsraum von AiRMOUR. Eine der kritischsten realen Anwendungen der regionalen Mobilität ist der Rettungsdienst. Im Rahmen des Projekts werden Luftfahrzeuge für Ärzte und medizinische Versorgung in realen Demonstrationen in Stavanger (Norwegen), Helsinki (Finnland) und bei uns in NOH validiert.

NOH ist eine Energieregion mit dem Braunkohleabbau seit dem Mittelalter, mit der Wintershall-DEA als dem größten deutschen Öl- und Gasförderer sowie zahlreichen Unternehmen und Forschungsaktivitäten auf dem Gebiet der erneuerbaren Energie. Nun könnte NOH demnächst auch zur „Wasserstoffregion“ werden?

Wir haben schon diverse Projekte zur Implementierung einer Wasserstoffinfrastruktur. In NOH ist bereits ein Förderprogramm angelaufen, ein weiterer Förderantrag ist in Arbeit. Als RP Kassel versuchen wir in enger Abstimmung mit der LandesEnergieAgentur und in Zusammenarbeit mit dem House of Energy die vielfältigen Initiativen zu bündeln. Gute und nachbildbare Projekte sollen auf die gesamte Fläche übertragen und so einem größeren Nutzerkreis zur Verfügung gestellt werden.

Herr Klüber, versuchen wir abschließend das Tempo des Bewusstseinswandels zu messen: Wie weit sind wir auf dem Weg, bis sich „NordOstHessen“ als Region in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat?

Soweit ich das beurteilen kann: Ziemlich weit! Auch wenn wir noch ein ganzes Stück des Weges vor uns haben, glaube ich fest: Wir sind weiter als uns bewusst ist, und das sollten wir auch laut und gemeinsam sagen in NOH.


Die Fragen stelle Claus Peter Müller von der Grün.

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