Der Jüdische Friedhof - ein Haus des Lebens

Esther Haß, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Kassel-Nordhessen

Wohl nichts klingt so verwunderlich wie diese Aussage, und doch gehört sie zum Begräbnis- und Totenkult der Juden sowie zu deren Auferstehung svorstellungen. Der Prophet Hesekiel beschreibt in einer Vision anschaulich die Auferstehung der Menschen zum Jüngsten Gericht. Deshalb gibt es auf jüdischen Friedhöfen ewiges Ruherecht; deshalb wird der Mensch in seiner Ganzheit begraben.
Auf Ruhe, Leben und Auferstehung weisen auch die Grabinschriften. Die Texte werden eingeleitet durch die hebräischen Abkürzungen "Hier ruht" oder "Hier ist verborgen" und beendet durch den Segensspruch als Schlußsatz "Seine/Ihre Seele möge eingebunden sein in das Buch des Lebens".
Schaut man sich auf dem älteren Kasseler Jüdischen Friedhof die beschrifteten Grabplatten an, die älteste weist die Jahreszahl von 1648 als Sterbedatum auf, so ergeben die Übersetzungen noch weitere Hinweise auf Ewigkeit, ewiges Leben und den "Guten Ort" (jiddisch). Dazu einige Beispiele:

  • Hier ruht und ist verborgen einer der Aufbewahrten, bis sie zum Leben auferweckt werden.
  • Er wurde abberufen in das himmlische Lehrhaus, und der Schöpfer brachte ihn hinauf.
  • Durch ihre Handlungen und Lieblichkeit möge sie im Garten Eden und im Tempel des Herrn im Licht der Lebenden weilen.
  • Er wird aufwachen aus seinem Schlaf zum ewigen Leben im Gericht der Gottesfürchtigen und Vollkommenen.

Für die Lebenden gilt das Begräbnis, zuvor die rituelle Waschung und Einkleidung des Toten und ebenso das Trauergeleit, als religiöse Pflicht; unbestattet zu bleiben, ist ein Unglück. - Leben, Tod, Ruhe und ewiges Leben sowie Gedenken, Erinnern und Bewahren sind im Judentum eng miteinander verknüpft. Ältere jüdische Friedhöfe in Deutschland, so auch der Kasseler Judenfriedhof, stehen heute unter Denkmalschutz und werden aus öffentlichen Landesmitteln unterhalten. Sie sind vielfach die einzigen "Lebenszeichen" einstiger jüdischer Gemeinden. Neben dem ewigen Ruherecht gelten für die Toten und die Totenbestattung weitere Grundsätze:

  • Ehepartner, Mann und Frau, werden nebeneinander bestattet, ansonsten gilt die Reihenfolge nach den Sterbedaten. Kinder und Alleinstehende haben jeweils eine gesonderte Reihung.
  • Gräber sind mit der Kopflage so ausgerichtet, daß bei der Auferstehung das Angesicht gen Jerusalem schaut.
    Die Einbettung geschieht in einer einfachen Holzkiste, denn im Tode sind alle gleich.
  • Noch in Anwesenheit der Trauergemeinde, bevor das "Kaddisch" gebetet wird, schaufeln die männlichen Angehörigen und Freunde oder die Beerdigungsbruderschaft das Grab zu. Man verläßt also nicht die noch offene Grabstelle.
  • Auch die Steine werden zumeist in gleicher Größe zum Gedächtnis gesetzt. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt es auch Familiengrabstätten und aufwendigere Grabmale.
  • Nach einer Beerdigung ist es den nächsten Angehörigen während der dreißigtägigen strengen Trauerzeit nicht gestattet, die Grabstelle aufzusuchen. Erst wenn sie dem eigenen "Leben" zurückgegeben werden, dürfen sie dieses besuchen.
  • Wer ein Grab besucht, hinterläßt als Zeichen ein Steinchen; so wird der Verstorbene geehrt und nicht vergessen.
  • Eine Grabbepflanzung findet man auf jüdischen Friedhöfen allgemein nicht. Man läßt Efeu oder Bodendecker auf den Gräbern wachsen oder bestreut diese mit Kies.

Mit der Vielgestaltigkeit der Grabmäler in neuerer Zeit veränderte sich auch die Grabsteinsymbolik, wie auf dem hiesigen Friedhof sichtbar. Waren zuvor nur Priesterhände, Levitenkanne, Schofar oder Beschneidungswerkzeuge abgebildet, so sind es in der Gegenwart vielfach der Davidstern oder Namenssymbole wie Löwe und Hirsch oder auch nicht-jüdische Symbole wie Malerpalette und Äskulapstab. Doch auch Grabsteinformen, -materialien und -inschriften weisen in zunehmendem Maße auf Säkularisierungstendenzen hin. Diese zeigen sich besonders auch in der Errichtung eines Ehrenmals für die Gefallenen jüdischen Soldaten des Ersten Weltkriegs auf dem Bettenhäuser Friedhof. Aus dem Zeitgeist heraus war dies durchaus verständlich; man fühlte sich als deutscher Bürger und war stolz darauf. Umso tragischer ist die Tatsache, daß viele Kasseler Juden, die in den Konzentrationslagern umkamen, keine Grabstelle haben. Doch findet man auf manchen Familiengräbern zusätzliche Hinweise auf die deportierten Opfer; ein Zeichen dafür, daß es noch Überlebende gab, die dies veranlassen konnten.