Ruhestätten von eigenem Charakter

Jüdische Friedhöfe lassen vielfach den überaus gepflegten, fast parkartigen Eindruck christlicher Begräbnisstätten vermissen. Bodendecker überwachsen die Gräber, Grabsteine werden selten nur restauriert und lassen - mit Absicht - den Gang der Zeit erkennen. Doch unbeaufsichtigt und ungepflegt sind jüdische Friedhöfe keineswegs, sondern Zeichen der besonderen jüdischen Friedhofskultur als ein "Haus des Lebens". Angehörige - wenn sie denn die Verfolgung durch die Nationalsozialisten überlebten - kümmern sich um die Begräbnisstätten, ebenso die wieder gewachsen Jüdische Gemeinde Kassel-Nordhessen. Und zudem hat sich die Bundesrepublik Deutschland 1957 zu ihrer Verantwortung für die Instandhaltung der Gesamtanlagen verpflichtet. Um die 97 jüdischen Friedhöfe in Nord- und Osthessen kümmert sich das Regierungspräsidium Kassel.

 

In der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 wurden die jüdischen Gemeinden, die es in Deutschland zahlreich gab, auf brutale Weise vernichtet, Millionen von Juden aus Deutschland und ganz Europa in den Arbeits- und Vernichtungslagern ermordet. Die Nationalsozialisten zerstörten die Synagogen - und wo sie dies nicht restlos zustande brachten, vollendeten die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg dieses Werk.

 

Die vielfach verwüsteten jüdischen Friedhöfe blieben bestehen, wurden aber nicht mehr gepflegt, da die wenigen überlebenden und nach Deutschland zurückkehrenden Juden dies nicht leisten konnten. Später übernahm deshalb der Staat die Verpflichtung der Pflege - nicht zuletzt aus moralischer Verantwortung. Zudem sind die jüdischen Friedhöfe aus geschichtlichen und künstlerischen Gründen Kulturdenkmäler im Sinne des Denkmalschutzes.

Das Regierungspräsidium Kassel weist die erforderlichen Mittel der Friedhof- und Grabunterhaltung den einzelnen Städten und Gemeinden zu, die im Auftrag des Staats die Pflegemaßnahmen durchführen. Außerdem kontrollieren Mitarbeiter des Regierungspräsidiums die Ausführung der in Auftrag gegebenen Arbeiten. Im Jahr 1999 wurden auf insgesamt 27 jüdischen Friedhöfen im Regierungsbezirk Kassel Instandsetzungsmaßnahmen durchgeführt, die vom Aufrichten von Grabsteinen über die Wiederherstellung von Einfassungen der Friedhöfe bis zur Erhaltung der vorhandenen Gebäude reichten. Insgesamt wurden für dies Maßnahmen 480.000 DM eingesetzt. Auch für das Jahr 2000 sind Pflege- und Instandsetzungsmaßnahmen in einem Umfang von 450.000 DM vorgesehen.

 

Die jüdischen Friedhöfe im Regierungsbezirk verteilen sich auf die sechs Landkreise und die kreisfreie Stadt Kassel folgendermaßen:

Stadt Kassel

2

Landkreis Kassel

15

Schwalm-Eder-Kreis

24

Landkreis Waldeck-Frankenberg

22

Landkreis Hersfeld-Rotenburg

22

Werra-Meißner-Kreis

14

Landkreis Fulda

6

 

Für die Pflege der jüdischen Friedhöfe ist eine Kenntnis der rituellen Vorschriften der jüdischen Religion wichtig, denn die jüdischen Vorstellungen von Grabstätten weichen erheblich von christlichen ab. So stellen zum Beispiel Kränze und Blumengebinde - auf christlichen Friedhöfen Zeichen der Verbundenheit mit den Verstorbenen - auf jüdischen Friedhöfen die Ausnahme dar. Die Hintergründe und Leitgedanken der jüdischen Begräbniskultur stellt Frau Esther Haß, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Kassel - Nordhessen, in ihrem Beitrag "Der Jüdische Friedhof - ein Haus des Lebens" dar.

 

Zu den wichtigen Maßnahmen bei der Pflege der jüdischen Friedhöfe zählt die Sicherung der Grabsteine, die - nach langen Jahren vielfach umgefallen - aus Sicherheitsgründen wieder aufgerichtet werden. Außerdem wird darauf geachtet, daß die Inschriften lesbar bleiben und Rankpflanzen nicht vollständig von den Gräbern Besitz ergreifen. Außerdem soll am Eingang jedes Friedhofs ein Schild mit dem Hinweis angebracht werden, daß am Shabbat (Samstag) und an jüdischen Feiertagen der Besuch des Friedhofs nicht gestattet ist.