Graf von Bernstorff

Wie manche seiner Vorgänger, so war auch Percy Graf v. Bernstorff, gleichzeitig Verwaltungsbeamter und Politiker. Sein Wesen war durch seine Herkunft und Erziehung geprägt. Einer seiner frühesten Vorgesetzten fand ihn sehr stark durch familiäre Interessen gebunden. Soweit Personalakten mit ihrer Anhäufung von Urlaubsgesuchen aus den verschiedensten Jahren als Grundlage zu einem Urteil über eine Persönlichkeit dienen können, scheinen sie diese frühe Charakterisierung Bernstorffs zu bestätigen.

 

Einen wesentlichen Teil seines Interesses beanspruchte offensichtlich die vormundschaftliche Verwaltung des Familienfideicomisses. Seine Liebhaberei gehörte dem Reisen und Reiten. In die Türkei zu seinem Bruder, nach Frankreich zur Weltausstellung, nach Westindien, in die Bäder der großen Welt führte ihn sein Weg. Dem Reiten huldigte der frühere Rittmeister der Gardedragoner noch täglich in seinen Kasseler Jahren.

 

Selbstbewußtsein, verbunden mit gesellschaftlicher Gewandtheit im Verkehr mit Höhergestellten und Untergebenen, wußte sein Vorgesetzter in Potsdam an ihm zu rühmen. Doch war sein Verhältnis zu den Untergebenen sicherlich korrekt, wurde aber von diesen als Unnahbarkeit und Kühle empfunden. Nach der Beendigung des juristischen Studiums war er zunächst als Regierungsreferendar den Regierungen in Wiesbaden und Potsdam zur weiteren Ausbildung überwiesen.

 

Im Jahre 1885 wurde er als Regierungsassessor in Königsberg beschäftigt. Zwei Jahre später wurde ihm zunächst kommissarisch, seit 1888 endgültig, das Amt des Landrates im Kreise Ostpriegnitz übertragen. Hier wurde er im Jahre 1893 zum Mitglied des Abgeordnetenhauses gewählt. Bis zum Jahre 1901 nahm er an dessen Sessionsperioden teil. Wenn auch seine Vorgesetzten von seiner guten politischen Urteilsbefähigung überzeugt waren, so scheint ihn doch seine Abgeordnetentätigkeit innerlich nicht sehr in Anspruch genommen zu haben; denn im Jahre 1898 beabsichtigte er, während der Sitzungsperiode gleichzeitig eine militärische Reserveübung abzuleisten.

 

Von 1901 bis 1905 war Graf Bernstorff als Polizeidirektor mit dem Charakter eines Polizeipräsidenten in Potsdam tätig. Von hier aus wurde er zum Regierungspräsidenten in Kassel bestellt, wo er am 2. Juni 1905 die Leitung der Geschäfte übernahm. Länger als jeder seiner Vorgänger hat v. Bernstorff die Geschicke der Regierung Kassel geleitet. In seine Dienstzeit fallen der wirtschaftliche Aufstieg in den Jahren vor 1914, ebenso wie der Beginn der wirtschaftlichen Depression durch die Demobilisierung der im Kriege stark ausgedehnten industriellen Fertigung. Den mit dem Aufschwung der Industrialisierung verbundenen Sieg der Sozialdemokratie in Kassel hat er nicht verhindern können.

 

Bemühungen in seiner Amtsperiode, die Anhänger des monarchischen Regierungssystems seit 1906 in dem Reichsverband gegen die Sozialdemokratie zu sammeln, blieben auf die Dauer ohne eine echte Wirkung. Sozialhygiene, durch den Bau von Krankenhäusern, Wasserleitungen und Kanalisationen, und Schulwesen fanden während seiner Amtstätigkeit wesentliche Förderung. Ein knappes Jahr nach dem Ausbruch der Revolution, im September 1919, nahm Graf Bernstorff seine Entlassung aus dem Staatsdienst. Er starb im Jahre 1930.

Hessen-Suche