Eduard von Moeller

In den ersten reichlich anderthalb Jahrzehnten lag die Leitung der Bezirksbehörde, entsprechend den allgemeinen preußischen Vorschriften, in der Hand des in Kassel residierenden Oberpräsidenten der neugeschaffenen Provinz Hessen-Nassau.

Der bisherige Königliche Administrator, Eduard v. Moeller, war der erste, der diese Stellung einnahm. Er war in Minden als Sohn einer gelehrten Familie und zugleich ein Landedelmann in dieser Vereinigung sonst gegensätzlicher Dinge" aufgewachsen, wie einer seiner Biographen vermerkt. v. Moeller selbst hat gelegentlich seinen Entschluß zur Beamtenlaufbahn als etwas sehr Extraordinäres" in seiner Familie bezeichnet.

Seine Neigung war ursprünglich mehr den Naturwissenschaften als der Jurisprudenz zugewandt. Nach dem Studium übernahm er zunächst eine Tätigkeit am Gericht in Minden und wechselte erst nach einigen Jahren in die Verwaltungslaufbahn über. Sein Aufstieg in verantwortungsvolle Posten erfolgte mit Schnelligkeit. Mit 25 Jahren war er Landrat, wenige Jahre darauf Staatskommissar bei der Köln-Mindener Eisenbahn und bald danach Eisenbahnkommissar für die westlichen Provinzen.

Im Alter von 34 Jahren, im Revolutionsjahr 1848, wurde er zum Regierungspräsidenten ernannt und mit der Vertretung des abwesenden Oberpräsidenten der Rheinprovinz betraut. Nach der Ablehnung eines Übertritts in die Ministerien übernahm er im Jahre 1849 die Leitung der Regierung Köln. In seinen verschiedenen Ämtern hatte er bis zu seinem Erscheinen in Kurhessen seine hervorragenden Verwaltungseigenschaften unter Beweis gestellt.

Auch parlamentarisch hatte v. Moeller sich zu betätigen versucht, sowohl 1849 im preußischen Abgeordnetenhaus, als späterhin im Reichstag. Indessen fehlte ihm die Gabe der freien Rede bei öffentlichem Auftreten. Im Budgetausschuß indessen, im kleineren Kreise, nahm er eine geachtete Stellung ein. Er galt als Anhänger der liberalen Richtung und war dadurch wohl besonders geeignet, in dem stark zum Nationalliberalismus neigenden Regierungsbezirk die innere Brücke zu Preußen schlagen zu helfen. Bei diesen Bemühungen kam ihm auf der anderen Seite bei den konservativen Kreisen in Preußen sein Ansehen bei König Wilhelm, dem er schon in der Revolutionszeit von 1848 in Koblenz bekannt geworden war, sicherlich zu Hilfe.

Für sein wohlausgewogenes Gefühl, das Alte und Neue organisch miteinander zu verbinden, zeugte seine Absicht, den alten Mittelpunkt hessischer Regententätigkeit, das Kattenburggelände, zum Sitz der neuen Verwaltungsbehörde Preußens zu machen. Sein historischer Sinn sowohl als sein Gefühl für echte Repräsentation bewegten ihn nach seinen eigenen Worten gleichermaßen zu seinem Entschluß. Während seiner Amtszeit wandte er sein Augenmerk auch der Pflege kultureller Einrichtungen zu. Der Kasseler Museenschatz wurde erst durch ihn der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Seine reiche Erfahrung im Eisenbahnwesen kam ihm bei dem Ausbau des kurhessischen Streckennetzes zugute. Als die ersten Übergangsschwierigkeiten beseitigt waren, schied v. Moeller im September 1871 von seinem Kasseler Amt, um die Verwaltung des Reichslandes Elsaß-Lothringen zu übernehmen, eine Aufgabe, die der in Kassel geleisteten Arbeit in gewissem Sinne ähnlich, aber bei weitern schwieriger war. Daß sie v. Moeller übertragen wurde, beweist die Zufriedenheit Bismarcks mit der initiativereichen Tätigkeit v. Moellers in Kurhessen, Nach seinem Obertritt in den Ruhestand lebte v. Moeller bis zu seinem Tode im Jahre 1881 in der Stadt Kassel, die ihn im Dezember 1866 bereits zu ihrem Ehrenbürger ernannt hatte.