Dr. Ferdinand Friedensburg

Dr. Ferdinand Friedensburg wurde als Nachfolger Stoelzels zum Regierungspräsidenten berufen und trat sein Amt am 16.3.1927 an. Nach dem Abschluß des Bergbaustudiums legte er am Oberbergamt Breslau die Prüfung zum Bergassessor ab. Die Jahre 1914 bis 1918 war er Kriegsgefangener. bzw. in der Schweiz interniert.

 

Erst nach dem Weltkriege trat er in den Verwaltungsdienst über und war in den Jahren 1921-1925 Landrat in Rosenberg, einem der wenigen bei Preußen verbliebenen westpreußischen Kreise. Von dort aus wurde er im Jahre 1925 als Polizeivizepräsident nach Berlin berufen. Nach zweijähriger Tätigkeit im Berliner Polizeipräsidium kam Friedensburg nach Kassel, in einen Wirkungskreis, dessen Lebensgewohnheiten ihm nicht ganz fremd waren, seit er als junger Mensch in Marburg studiert und auf Reisen die hessische Landschaft kennen gelernt hatte.

 

Sofort nach seinem Amtsantritt begann er in einer Reihe von Dienstfahrten eine Bereisung seines neuen Amtssprengels, um durch eigene Anschauung Grundlagen für die Gestaltung seiner Tätigkeit auf Grund der Gegebenheiten des Bezirkes zu finden. Im Vordergrund seines Interesses standen auf diesen Besichtigungen die wirtschaftlichen Fragen. Dabei betonte er immer wieder, daß es ihm nicht an einer einseitigen Unterrichtung gelegen sei. Vielmehr legte er Wert darauf, sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber bei seinen Betriebsbesichtigungen kennenzulernen und ihre Sorgen zu hören.

 

Neben den Industriebetrieben wurden regelmäßig auch Landwirtschafts- und Forstbetriebe besichtigt. Auch die Kreditinstitute der Sparkassen wurden in diesen Rahmen miteinbezogen. In den folgenden Dienstjahren wandte sich sein Interesse vor allem der Erschließung von Kraft-Fernverkehrslinien zu.

 

Auf dem kulturellen Sektor standen die Schulfragen im Vordergrund des Interesses. Schulhäuser und ihre innere Einrichtung, auch die Ausstattung der Klassen wurden mit kritischen Augen betrachtet. Gelegentlich war auf den Besichtigungen, z. B. in der Grafschaft Schaumburg, die Teilnahme des Regierungspräsidenten an Unterrichtsstunden vorgesehen. Friedensburgs Urteil war kritisch und scharfsinnig und wurde gelegentlich auch unverblümt ausgesprochen. Wie er bei einer Dienstreise nach Hanau den dortigen Landrat bat, daß für unproduktive Aufenthalte möglichst wenig Zeit verbraucht wird, so stand auch die Be-amtenschaft seiner Behörde unter dem Eindruck einer Persönlichkeit, die an die eigene Person wie an die der Untergebenen strenge Maßstäbe anlegte.

 

Unpünktlichkeit im Dienst war mit der dem Regierungspräsidenten eigenen Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit nicht zu vereinen. Gegenüber den zahlreichen Anforderungen auf die Vermehrung des Personals zur Erfüllung gesteigerter Arbeitsverpflichtungen reagierte Friedensburg nur selten. Bei wirklich auftretenden Schwierigkeiten,verfolgte er ein Schwerpunktprogramm, das Arbeitskräfte von momentan geringer wichtigen Plätzen abzog und an der Katastrophenstelle einsetzte. Gelegentlich fand er, daß nach der Aufarbeitung entstandener Reste ein Verbot genüge, neue Restarbeiten entstehen zu lassen.

 

Die Erhaltung der vollen Arbeitswirksamkeit der Behörde bei sparsamstem Mitteleinsatz sah Friedensburg als seine Aufgabe in einer Zeit an, als die große Wirtschaftskrise die Grundlagen des Staates erschütterte. Wesentliche Bemühungen Friedensburgs galten der Stärkung der demokratischen politischen Kräfte und der Verbreitung des republikanischen Gedankens. Seine Mitarbeit in der Deutschen Demokratischen Partei wie auch Ansprachen vor den Mitgliedern der demokratischen Organisationen dienten diesem Ziele ebenso wie die behördliche Pflege des Verfassungstages oder sein disziplinarisches Vorgehen gegen Amtsverletzungen radikalgesinnter Beamter.

 

Die Verknüpfung der Stellung eines politischen Beamten mit den politischen Fragen der Zeit führte zu Zusammenstößen mit rechtsradikalen Richtungen, Auseinandersetzungen, die von beiden Seiten mit Verve ausgefochten wurden. Wegen seines Eintretens für die republikanischen Parteien und Verbände wurde Friedensburg bald nach dem Beginn des nazistischen Regimes durch einen besonderen Kabinettsbeschluß seiner Stellung enthoben. Am 24. Februar 1933 mußte er die ihm liebgewordene Arbeit verlassen. In einer Sitzung der Regierungsmitglieder und des Beamtenausschusses sowie in einem persönlichen Durchgehen der Arbeitszimmer verabschiedete er sich von seinen Mitarbeitern.

 

Von der Gestapo wurde Friedensburg aus politischen Gründen 1935 für mehrere Monate inhaftiert.Während des Dritten Reichs war er als Privatgelehrter auf dem Gebiete der Montanwirtschaft tätig.

 

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Ferdinand Friedensburg von den Russen als Präsident der "Deutschen Zentralverwaltung der Brennstoffindustrie in der sowjetischen Besatzungszone" eingesetzt. In dieser Eigenschaft hatte er die Leitung über den Kohlenbergbau, die Elektrizitätsversorgung und die Kraftstoffgewinnung in Berlin und der sowjetischen Besatzungszone. Als Mitbegründer der CDU in Berlin beteiligte er sich auch aktiv an den Berliner Wahlen nach 1945. Dem gewählten Magistrat von Groß - Berlin gehörte er als stellvertretender Bürgermeister an.

 

Seinem Verhandlungsgeschick und dem couragierten Auftreten ist es im wesentlichen zu verdanken, dass die Berliner Forsten sowie viele Parkanlagen während der Blockadezeit nicht abgeholzt wurden, wie es die drei Westkommandanten befohlen hatten. Friedensburg verhinderte auch die Sprengung der Siegessäule, die vor allem die Franzosen mit Zustimmung der Engländer und Russen gefordert hatten.

 

Während der Blockadezeit amtierte Friedensburg kommissarisch als letzter Oberbürgermeister von Groß-Berlin bis Volkspolizisten ihn am 1.12.1948 daran hindern, seine Amtsräume im Ostberliner Rathaus zu betreten
Dem Deutschen Bundestag gehörte er als Berliner Abgeordneter zwischen 1952 und 1965 an.
Seit 1953 war er Professor für Bergwirtschaftslehre an der TU Berlin sowie von 1945 - 1968 Präsident des Institutes für Wirtschaftsforschung.

 

1971 wurde er Ehrenbürger der Stadt Berlin. Hochbetagt, im Alter von fast 86 Jahren, verstarb Ferdinand Friedensburg am 11. März 1972